Am 2./3. Juni 2016 im Bayerischen Landtag

Der demografische Wandel

Gesellschaften verändern sich. Sie wachsen oder schrumpfen, werden älter oder jünger, müssen die Integration von Einwanderern bewältigen und ändern ihr räumliches Siedlungsverhalten. Auch die Verteilung von Bildungsabschlüssen innerhalb einer Gesellschaft oder die soziale Schichtung der Bevölkerung sind nicht in Stein gemeißelt. Der demografische Wandel gehört somit zur Menschheits­geschichte seit tausenden von Jahren.

Obwohl das so ist, sollten wir den gegenwärtigen Veränderungsprozessen, die wir vor allem unter den Schlagworten Schrumpfung, Alterung und Zunahme kultureller Vielfalt diskutieren, nicht mit Gleichgültigkeit begegnen. Ihre Folgen werden in vielen Lebensbereichen spürbar sein, etwa wenn Schulen wegen abnehmender Schülerzahlen schließen müssen, wenn Abwasserkanäle ver­schlammen, weil weniger Menschen auch weniger Abwasser einleiten, oder wenn der öffentliche Nahverkehr mangels Nachfrage nicht mehr in der Form aufrecht­erhalten werden kann, wie wir ihn heute kennen. Insbesondere die dynamische Alterung unserer Gesellschaft ist zudem ein historisch neuartiges Phänomen, das den meisten von uns zwar ein längeres Leben – und zwar bei besserer Gesundheit im Alter – beschert, aber unsere sozialen Sicherungs­systeme und die kom­munale Infra­struktur vor große Herausforderungen stellt, die noch nicht gemeistert sind.

Der demografische Wandel gehört somit zur Menschheits­geschichte seit tausenden von Jahren.

Hinzu kommt, dass sich die skizzierten Veränderungen regional sehr unterschiedlich auswirken werden. Das gilt insbesondere für Bayern, weil hier die schon heute bestehenden Disparitäten zwischen den einzelnen Regionen in den nächsten Jahrzehnten noch deutlich zunehmen. Nur ein Beispiel: Während die Einwohnerzahl Münchens und weiter Teile Oberbayerns bis 2035 unvermindert stark ansteigt, werden die Landkreise Wunsiedel, Hof oder Kronach wahrscheinlich bis zu 16 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren. Angesichts dieser Entwicklungen kann der Verfassungsauftrag, gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern sicherzustellen, nur durch die gemeinsamen Anstrengungen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft verwirklicht werden.

Wer die Lebensqualität langfristig erhalten oder gar verbessern möchte, darf den demografischen Wandel daher nicht nur erdulden – er muss ihn engagiert, langfristig und fantasievoll gestalten. Und als Chance begreifen, die unsere Gesellschaft bereichern wird.

  • BILDUNG

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    Wenn immer weniger junge Menschen die steigenden Ausgaben für Renten und Pensionen sowie die zunehmenden Gesundheitskosten einer alternden Gesellschaft tragen müssen, dann muss die Produktivität der Erwerbstätigen steigen. Und das setzt voraus, dass sie besser ausgebildet und höher qualifiziert sind. Investitionen in die Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder- und Jugendliche sind daher unumgänglich, aber auch die Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Erwachsene, insbesondere für ältere Arbeitnehmer und Erwerbssuchende, müssen deutlich ausgebaut werden. Das Parlament der Generationen wird sich daher mit einer „Qualitätsoffensive Bildung“ befassen und entscheiden, welche konkreten politischen Maßnahmen in diesem Rahmen umgesetzt und welcher Personenkreis besonders gefördert werden soll. Es muss Prioritäten bei der Vergabe der begrenzten Finanzmittel setzen, damit die verabschiedeten Maßnahmen Wirkungen entfalten können.

  • REGIONEN

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    Ob eine Stadt oder Gemeinde für ihre Bewohner attraktiv ist, hängt unter anderem von der Qualität der öffentlichen Daseinsvorsorge ab. Darunter versteht man alle für unser Leben wichtigen Dienstleistungen und Einrichtungen: vom Schutz durch die Polizei über das Angebot an Schulen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen bis hin zur Versorgung mit Strom, Wasser oder öffentlichem Nahverkehr. Gerade schrumpfende Regionen stehen hier vor einem großen Entscheidungs- und Handlungsbedarf, wenn sie das Niveau der Daseinsvorsorge erhalten wollen. Differenzierte Lösungen sind erforderlich, um den regional unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das Parlament der Generationen wird sich daher mit der Einführung von regionalen Demografiebudgets befassen und entscheiden, welche Bereiche der Daseinsvorsorge im Rahmen dieses Instruments besonders gefördert werden sollen und welche finanziellen Mittel hierfür zur Verfügung gestellt werden.